
Die Red Rabbits aus Hamburg wurden zur Newcomer-Agentur des Jahres 2004 gewählt. Wir haben uns in ihrem Kaninchenbau umgesehen und drei Männer getroffen, die ihre Vergangenheit als Schlipsträger nicht verleugnen können.
Die Höhle der roten Kaninchen liegt ein wenig versteckt. Hinten im Hof eines Kleingewerbegebiets im Hamburger Multikulti-Viertel Ottensen. Über alte Eisenbahngleise geht es, wucherndes Unkraut, Schlaglöcher. Ein Schild Red Rabbit 20 Meter rechts! Hier soll Deutschlands derzeit heißeste Werbeagentur sitzen? Kunden, brecht Euch nicht die Knochen!
Diese Agentur hat Jugendliche in Netzen fangen lassen, sie hat Kaufhausdetektiven unschuldige Kunden ausgeliefert, sie hat Kindern die Schokolade wegfressen lassen. Sie hat den akustischen Grün-Hinweis an Blindenampeln bei Rot aktiviert. Sie hat den Rasen vom FC St. Pauli in Parzellen aufgeteilt und den Elfmeterpunkt versteigert. Und weil sie all dies getan hat, wählte die Fachjury vom Jahrbuch der Werbung Red Rabbit zum Newcomer Agentur des Jahres 2004.
Gewarnt öffnen wir die Tür. Dahinter eine schlauchartig enge Treppe, türkisfarbene Wände. Oben wird es hell. Die Stufen enden vor einer Wand. Links Toiletten, rechts ein hoher Empfangstresen, dahinter, auf Sesseln, zwei Frauen mit Kaffee-![]()
bechern. Die Strategieabteilung der Agentur Red Rabbit. Es geht um einen neuen Kunden. Mobilcom und SportScheck sind an Bord, auch Objekte des Bauer Verlags, die Schnapsbrennerei Hardenberg, ja sogar das Bundesumweltministerium wird hier betreut. Im dritten Jahr seiner Existenz machte der kleine Laden mit nicht mal 20 Leuten schon gut 1,5 Millionen Euro Honorar.![]()
Es ist verdammt clean hier, weiß, hell-grün, viel Licht ganz anders als draußen vor der Tür. Irgendwie enttäuschend. Hier sollte kreatives Chaos herrschen, sollten Fahrräder am Schreibtisch lehnen, irgendwelche Hunde rumspazieren, sollte ein undefinierbarer Schallwellensalat dröhnen, von zig Musikquellen gespeist. Werberwahnsinn eben.
Aber nichts davon! Es ist fast klinisch still. Strom und Netzwerkkabel hängen, versteckt in weißen Schläuchen, von der Decke. Die Schreibtische sind leer bis auf die Bildschirme, mal ein Zettel, ein Stift. Schuld daran trägt Deutschlands einst beste Agentur, der Laden, in dem die Chefs von Red Rabbit in die Werbeschule gingen: Auch bei Springer & Jacoby (S&J) hängt nichts an der Wand, liegt nichts rum, darf sich kreatives Chaos allenfalls in den Köpfen der Mitarbeiter abspielen, aber auch nur dann, wenn es dafür eine durchdachte Erklärung gibt.
Ist Red Rabbit auch eine Werbesekte? Diszipliniert bis in die Blutkörperchen?
Der schlaksige Typ, der kommt, um Hallo zu sagen, sieht nicht so aus. Gemütliche Cordhose, dunkler Pullover, offener Blick. Schlossführung gefällig? Gern! Das Ganze war mal ein einziger großer Raum. Vor hundert Jahren wurden hier Maschinen zur Pelzbearbeitung repariert. Führungsschienen an der Geschossdecke, der Motor für einen großen Flaschenzug, erinnern daran. Links entlang der Fenster ein Konfi, anschließend die Schreibtische von Beratung, Kontaktern, Strategie und was man so an Verwaltung braucht, rechts erst die Teeküche, dann die Kreativen. Dazwischen Serviceräume, Kopierer, Materiallager, Denkzelle, Minikonfi.
Der Lulatsch heißt Jochen Matzer, er ist 38 Jahre alt, einer von drei Gesellschaftern. Matzer ist Berater. Dominik Monheim, 42, kümmert sich um die Optik, Jan Fröscher, 36, um Text. Was ist besonders an diesen Typen? Sind sie wie die Werbung, die sie machen? Was machen sie anders? Machen sie es wirklich anders?
Der Älteste des Trios ist der ruhende Pol im Team. Groß, am Kopf rasiert, im Gesicht nicht immer, dafür trägt er eine riesige kluge Hornbrille, die lenkt ab. Dominik hat zwei Kinder, lange frei gearbeitet. Er weiß ums Machbare und um das wirklich Wichtige, macht sich und den Kunden nichts mehr vor. Zwar treibt und peitscht er sein Team, immer noch eine bessere Lösung zu finden, aber die Nächte, die Wochenenden, die müssen nicht um jeden Preis durchgearbeitet werden.
Ginge es nach Matzer, wäre das wohl anders. Der Lulatsch hat keine Brille aber Haare, dunkelblond. Der Mann brennt, springt zwischen Altkunden- und Neugeschäft, macht den Innen- und Außenminister zugleich, ist wie bei S&J gelernt die Fresse für die Presse. Matzer bleibt konsequent am Ball, ein Terrier, unermüdlich. Auf dem Fußballfeld würde da nur die Blutgrätsche helfen. Sein Arbeitsstil? Zuhören, richtige Fragen stellen, Problem verstehen, Ärmel hochkrempeln, loslegen, Problem lösen. Kurz freuen, nächstes Problem...
Probleme interessieren Jan Fröscher nur, weil seine Ideen sie lösen. Ein Feuerwerker? Nee, mit Krawallkram kann man eine Agentur nicht pushen, sagt er, aber auch Verpuffer können wir uns nicht leisten. Blonder Surfertyp, verwaschene Jeans, helles Cordjackett, ein Sunnyboy. Er ging weg aus der Stadt, in die gerade alle wollen, weg aus Berlin, weil das da nicht richtig nach Arbeit roch.
Weniger labern, machen, das ist ihr Motto, und das ist es, was den Unterschied macht. Die Leute von Red Rabbit sind keine jungen Hüpfer, die sich Philosophien zurecht legen und dann irgendwie alles ganz und gewollt anders machen müssen und dem Kunden beim Rumexperimentieren die Finger verbrennen. Wertvoll macht sie die Erfahrung aus ihren Zeiten bei S&J, bei Scholz and Friends, bei McCann oder Aimaq Rapp Stolle. Und noch etwas ist wichtig, entscheidend: Sie haben sich auf eigene Füße gestellt. Sie wollen den Erfolg. Sie sind heiß drauf, es den anderen zu zeigen.
Jetzt erst recht, denn bis vor einem Jahr war Red Rabbit noch mit einem Schwimmgürtel unterwegs. Ausgerechnet im schwierigsten Jahr der deutschen Werbung, im Mai 2002, aus dem Bau gekrochen, hatten sie Unterstützung gebraucht. Das internationale Werbenetzwerk Leo Burnett sicherte sich eine Minderheitsbeteiligung und zeigte die heißen jungen Werber gern vor. Einen Startkunden bekamen die Rabbits nicht von Burnett, mussten aber den eroberten Kunden Wella abgeben. Vergangenes Jahr haben die Rabbits dem Network die Anteile abgekauft und sind jetzt, was Matzer und Co. von Beginn an sein wollten: eine unabhängige, inhabergeführte Kreativagentur.
Das Firmenkaninchen blieb dabei ziemlich auf der Strecke. Das war zu niedlich geworden, erzählt Dominik. Er hat es wieder belebt, als stilisierten, auf den Boden geduckten Nager mit eng nach hinten angelegten Langohren. Bügeleisen nennen sie den silbernen Pin, den sich die Mitarbeiter anstecken, wenn sie zum Kunden gehen.
Von den Kaninchen übrig blieb auch ein wenig Philosophie. Etwas kopfig vielleicht, wenn die Rabbits von der gnadenlosen Fähigkeit ihrer namengebenden Tierchen reden, Neuland zu erobern im Auftrag des Kunden. So wie Nager eine unbewohnte Insel dank unbändigem Fortpflan-![]()
zungstrieb innerhalb kürzester Zeit bevölkern, wollen die Werber mit unaufhaltsam sich vermehrenden Ideen für ihre Kunden neue Märkte claimen.![]()
Dabei gehen die Rabbits wie die Kaninchen extrem in die Tiefe. So etwa beim Kunden Mobilcom, den sie komplett betreuen: vom Styling, der Bildsprache über die Corporate Identity und den TV-Spot bis zum Aufsteller im Telefonshop und dem Einwickelpapier für Vertragshandys. Für Mobilcom erdachten sie die Kinder-Tariffalle sowie diese Anzeigen und Spots, bei denen Weihnachtsmänner Kindern Schokolade wegessen, Kaufhauskunden ins Unglück stürzen und Blinde in Gefahr bringen. Werbeleiter Robert Viefers freut sich darüber: Red Rabbit sei eine Agentur, die bestens zu uns passt. Es sind erfahrene Leute mit viel Know-how, die aber noch richtig Hunger haben und brennen.
Peter Heinlein