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Horizont: Fritz gegen Coca-Coliath
01.11.2007 | Horizont: Fritz gegen Coca-Coliath

Indische Krimskrams-Läden, türkische Brautgeschäfte und hippe Boutiquen prägen das Hamburger Schanzenviertel. In dem Quartier zwischen Eimsbüttel uns St.Paui tummeln sich schräge Vögel und Kreative. Studenten pilgern allabendlich in die Bars und Clubs – oder in die Rote Flora. Das ehemalige Theater ist in der Hansestadt eines der letzten Refugien der Hausbesetzerszene und dient als Kulisse für Punk- sowie Reggaekonzerte.
In diesem alternativen Schmelztiegel gedeihen Ideen abseits vom Establishment prächtig. So entstand in dem Viertel bereits der Hype um das Erfrischungsgetränk Bionade. Und von hier aus will auch Fritz-Kola Deutschlands Gaumen erobern.

Die Idee zu der Cola-Marke mit dm teutonischen Namen Fritz und dem antiamerikanischen K kommt den Studenten Lorenz Hampel und Mirco Wiegert im Frühjahr 2002. Ihre Motivation: „Die Monopolstellung und das Einerlei der Allerwelts-Colas ging uns gehörig auf ei Nerven“, erklärt Hampel, der geduzt werden möchte. Mit 6000 Euro Startkapital aus ihren Bausparverträgen und einem Rezept aus dem Internet legen beide los.
Ein Apotheker soll die erste Cola mischen, doch er wirft die beiden hochkant aus seinem Laden. „Der Mix basierte auf echten Koka-Blättern“, begründet Mirco. Nach rund einem Jahr Entwicklungsarbeit finden sie jedoch als Produktionspartner eine Brauerei, die die ersten Flaschen abfüllt. Das Ergebnis: Eine Cola mit einem Hauch von Zitrone und einem Koffeingehalt am gesetzlichen Limit. Die braune Brause enthält pro 0,33-Liter-Flasche 83,3 Milligramm der Wachmachersubstanz, das erlaubte Maximum für ein „Limonadengetränk mit erhöhtem Koffeingehalt“. Alles was darüber hinausgeht, gilt als „Energy Drink“.

Die ersten Käste liefern die Do-it-yourself-Getränkehersteller per Miet-Lkw an Kneipen, gelagert werden die Flaschen bei den Eltern im Wäschekeller und als Firmenadresse geben sie ihr Studentenwohnheim an.

Inzwischen hat die Koffeinkeule eine treue Fangemeinde gefunden, die sogar selbstproduzierte Werbeclips auf den Websites Myvideo und Youtube platziert, um die Macher zu unterstützen.

Dank der Mund-Propaganda ist der Party-Treibstoff inzwischen auch über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt. In zahlreichen deutschen Städten und in einigen europäischen Ländern wieder der Schweiz, Österreich Dänemark, Belgien, England, den Niederlanden und Spanien ist das Produkt bereits in ausgewählten Bars und Getränkemärkten erhältlich. Darüber hinaus gibt es zusätzlich zur Klassik-Version auch Fritz-Kola zuckerfrei, Kola-Kaffee-Brause und Fritz-Limo in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Über Zahlen sprechen die Unternehmer nicht. „Dafür ist das Geschäft zu hart“, rechtfertigt Mirco. Immerhin so viel verrät Lorenz: „Wir können inzwischen von Fritz-Kola leben und müssen uns nicht mehr mit Nebenjobs über Wasser halten.“ Während Mirco sein Studium der Außenwirtschaft bereits abgeschlossen hat, muss Lorenz im Fach Medientechnik noch etwa ein Jahr pauken. „Das läuft so nebenher“, entschuldigt er sich. Wer den Kampf gegen einen Weltkonzern aufnimmt, muss eben vollen Einsatz zeigen.

Um der Marke weiter Schub zu verleihen, startet Fritz-Kola in wenigen Wochen seinen ersten Werbefilm in Kino und Internet. Entwickelt wurde der Spot von Alex Feil, Regisseur bei der Produktionsfirma Element E, und Jan Fröscher, Creative Director Text und Geschäftsführender Gesellschafter der Werbeagentur Red Rabbit. Genau wie Fritz-Kola sind auch sie junge Hamburger Unternehmen.

Um die Szene-Cola von anderen Marken abzugrenzen, soll der Film „konzeptionell aus der Reihe tanzen“, verspricht Produzent Bernd T.. Hoefflin. „Statt dem Schema F – Happy People trinken happy Getränk und lächeln happy in die Kamera – zeigen wir ungewöhnliche Bilder“ führt Fröscher aus, der Fritz-Kola seit rund zwei Jahren betreut. Er hat mit seiner Agentur für den Kunden bereits 200 Anzeigenmotive mit frechen Sprüchen wie „Who the fuck is sandmännchen?“ und „Der erste flüssige Wecker der Welt“ entwickelt, die in der Szenemagazinen für die Brause werben.
Der Spot soll die Wirkung von Fritz-Kola auf den menschlichen Körper demonstrieren  und damit den Claim „vielviel Koffein“ untermauern. Gekleidet in rote Latexanzüge formieren sich 60 Darsteller zu Lunge, Herz und roten Blutkörperchen. Zuerst sind sie behäbig, doch als plötzlich Fritz-Kola auf sie regnet, arten ihre Bewegungen in einen ekstatischen Tanz aus.

Diese Szene drehte das Produktionsteam ende August drei Nächte in einem Waldgebiet am Stadtrand von Hamburg. Verwendet wurde dabei die neueste Kameratechnik. Insgesamt ein beträchtlicher Aufwand angesichts des überschaubaren Budgets. „Das Projekt ist nur möglich gewesen, da viele Mitarbeiter dafür auf gewohnte Gehaltsmaßstäbe verzichtet haben. Ihnen liegt das Projekt am Herzen“, erklärt Hoefflin ein. Fröscher weiß warum: Sich wie Mirco und Lorenz als Laien mit einer solch genialen Idee in einem derart harten Wettbewerbsumfeld zu behaupten, ist fast schon romantisch. Das muss man einfach unterstützen.“

Bettina Neises