TrendWatchWalk Amsterdam

Amsterdam gilt zurecht als eines der kreativen Zentren Mittel-Europas. Das Leben in der Stadt der Grachten ist seit jeher beeinflusst von der Nähe zum Meer und den unterschiedlichen Kulturen, die sich in der Handelsstadt niederließen und ihre Art zu Kochen in das kulinarische Profil der Stadt einbrachten. Ohne diese kulinarisch Einflüsse wäre die holländische Küche heute kaum mehr vorstellbar.

Das Spannungsfeld aus Tradition und Aufbruch zeigt sich längst nicht nur in der Amsterdamer Küche. Den Beweis liefert die Stadt bereits zu Beginn des Aufenthalts. Die Anreise vom Flughafen ins Stadtzentrum erfolgt mit einem der 167 Tesla Taxen.

Nur eine der vielen Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen durch den Flughafen Schipos. Der langfristig zu einem der weltweit nachhaltigsten Flughäfen werden soll. Selten jedoch drückt eine Stadt ihre Vision einer lebenswerten Zukunft so erlebbar aus wie durch die lautlosen Fahrt im Elektroauto der Superklasse.

Beim Blick aus der Frontscheibe vorbei am zentralen Bedien-Tablet wird klar, dass diese Vision kein aufoktroyiertes Credo ist. Es entspricht den grundlegenden Werten der kreativen Klasse, die heute das moderne Amsterdam prägt und in den Gassen und Kanälen einen Kosmos aus Läden, Cafés und Büros erschaffen hat. Alle eint sie das Streben nach einer sinnstiftenden Einkommensform.

Jeder Laden, jede Boutique und jedes Café teilen selbstbewusst und unbeirrt ihre Botschaft mit. Die Auswahl der Verkäufer, die Einrichtung der Räumlichkeiten und die Inszenierung der Produkte scheinen ein permanentes Statement zu setzen: „Für besseren Konsum – bewusster, individueller, nachhaltiger!“.

Paradoxerweise fällt dabei immer wieder eine globale Uninformiertheit ins Auge. So finden sich zwischen all den individuell formulierten Glaubensbekenntnissen die immer gleichen, weltweit gültigen Erkennungszeichen der Generation „young urban creatives“.

Kein Laden ohne weiße Keramikkacheln, keine Decke ohne nackte von der Decke baumelnde Glühbirnen und trotz dieses ausgeprägten Bekenntnisses zum Essenzialismus überall Pflanzen! Greenterior nennt sich dieser ebenfalls schon als global zu bezeichnende Einrichtungstrend, der im gleichnamigen Buch „Greenterior – Plant loving creatives and their homes“ am Beispiel einer New Yorker Textilkünstlerin so begründet wird: „Because she’s so busy, she barely has any time to enjoy the outside.“

So absurd das Hochstilisieren  von Oma’s Zimmerpflanzen zum Must-have-Wohnaccessoir erscheinen mag, so unmissverständlich drückt sich darin die Sehnsucht nach simplifizierten Produkten als Gegengewicht zum digitalen Alltag aus. Produkte mit guten Geschichten und Marken mit authentischer Haltung umweht trotz einer fortwährend wachsenden Crafts-Bewegung auch in einer europäischen Trend-Metropole wie Amsterdam noch immer der Hauch eines wiederentdeckten Schatzes. Dieser Eindruck verstärkt sich bei der Betrachtung von Räucherwurst – inszeniert als exklusives Luxusgut inmitten des restlichen, komplett veganen, biologisch erzeugten und fair gehandelten Warenangebots.

Was nach drei Tagen RRI TrendWatchWalk neben der Fahrt im Tesla vor allem im Kopf bleibt ist das selbstbewusste Auftreten dieser kleinen lokalen Unternehmen, die glaubhaft das verkörpern, was vielen großen Marken aktuell abhanden kommt: Haltung, Relevanz, Empathie. Gleichzeitig drängt sich die Warnung auf, „sinnstiftend“ nicht mit „identitätsstiftend“ zu verwechseln. Da Letzteres nicht gelingt, wenn individuelle Botschaften nur mit den Mitteln einer immer gleichen Ästhetik zum Ausdruck gebracht werden.

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